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PerfektionsfalleAm Wochenende fühlte ich mich geschlaucht und müde und ergab mich diesem Zustand, indem ich etliche Stunden am Sofa verbrachte und mich von seichten Filmen berieseln ließ. Unter anderem einer Hollywood-Liebeskomödie, welche die Suche nach dem perfekten Mann porträtierte, die wie vorhersehbar auch mit Happy End endete. Das, was laut Hollywood so einfach sein kann, gestaltet sich in der Realität meistens zum Schwerkampf, wie ich Im Bekanntenkreis immer wieder feststellen muss. Warum? Gibt es keine tollen Typen mehr? Sind wir Frauen tatsächlich in der misslichen Lage, dass diejenigen, die in den Sechziger Jahren noch mit Anzug und Krawatte die Tür des Cabrios aufhielten, um die Dame des Herzens an einen romantischen Spot zu chauffieren, wo sie ihr zuerst eine traumhafte Landschaft und dann ihr Herz zu Füßen legen, ausgestorben sind (Ich gebe zu, dass ich auch „Über den Dächern von Nizza“ mit Cary Grant gesehen habe)? Wo sind all die Helden, von denen wir nachts träumen?

Ich glaube, sie sind noch immer da, aber haben es zugegebenermaßen einfach schwerer, das zu repräsentieren, wonach „frau“ sich heutzutage sehnt. Das Bild des perfekten Mannes hat sich verändert, denn dank Digitalisierung, Photoshop, Selfie-Perfektions-Apps, Twitter & Co trudeln hundertmal am Tag Images in unser Wohnzimmer, Büro oder Verkehrsmittel und offenbaren uns, wie toll Männer sein können. Wir haben das Gefühl, David Beckham persönlich zu kennen, weil wir ihm dabei zusehen, wie er trainiert, kocht, seine Kinder zur Schule bringt, am Abend topgestylt am Red Carpet steht und immer wieder betont wie sehr er Victoria vergöttert. Ein Blick nach rechts im Cafè zeigt uns hingegen, dass der Kerl, den wir anfangs noch ganz süß fanden, dann aber doch einen kleinen Bauchansatz, einen schiefen Eckzahn und Sneakers hat, die schon letzte Saison out waren. Also schauen wir weiter auf unser Handy-Display und checken mal, was das Männermodel macht, dem wir seit einiger Zeit auf Instagram folgen. Wow! Schon wieder ein cooles Foto seines Sixpacks, den wir so gerne einmal berühren würden. Genauso wie den der zwanzig anderen heißen Typen, mit denen wir „befreundet“ sind. 

Ich will mich selbst gar nicht ausnehmen, denn auch sehe mir gerne schöne Fotos von schönen Menschen an. Punkt. Aber, und nun das große ABER, wir sollten uns dessen bewusst sein, dass wir hier nicht die Realität präsentiert bekommen, sondern immer nur eine beschönigte Version derselben. Wer tatsächlich glaubt, dass Menschen so perfekt aussehen und handeln – meiner Meinung nach widersprechen sich die Begriffe perfekt und menschlich sogar – der ist naiv. Wir bekommen genau das zu sehen, was andere uns sehen lassen wollen. Ich gehe davon aus, dass kein Celeb seine Einträge selbst schreibt, sondern sie von seinem Social Media/PR-Team gestaltet und kommentiert werden. Kein einziges Foto, dafür lege ich meine Hand ins Feuer, geht unbearbeitet und perfektioniert an die Öffentlichkeit. Niemand zeigt sich so, wie er tatsächlich ist, auch wenn er nach unserem Dafürhalten, dem Wort Perfektion sehr nahekommt. Wir sehen immer nur eine Auswahl aus einem Pool von „worth sharing“, denn ein perfektes Foto erfordert wahrscheinlich dreißig Shots und wird immer nachbearbeitet. Genauso verhält es sich mit den Inhalten. Was will die Welt sehen? Womit erlange ich am meisten Likes und welches Postings halten mich lange im Gespräch? Eine Meisterin dieses Geschäfts ist wohl Kim Kardashian, deren privates Sexvideo „zufällig“ ans Licht der Öffentlichkeit gelangte und die seitdem aus der Medienwelt nicht mehr wegzudenken ist. 

Nun kommen wir wieder zu unserer Realität und dem Fremden im Café oder auch den Partner am Sofa zuhause. Er wird mit Maßstäben bewertet, die unfair und fiktiv sind. Zeichentrickfiguren in Disney-Movies sind perfekt, weil sie gezeichnet sind und genauso aussehen, wie der Künstler und die Umfragen-Statistiken sie haben wollen. Wir können keinen Wunschzettel schreiben und erhoffen, dass der Traum-Partner am nächsten Tag vor der Tür steht. Falsch: Wir können, sollten uns aber auf ein langes und einsames Leben mit vielen Katzen vorbereiten. 

Natürlich tappen auch Männer in die Perfektionsfalle. Auch sie träumen von Prinzessinnen, die wie Fitnessgöttinnen aussehen, Haare bis zum Allerwertesten haben und mit 40 noch immer keine einzige Falte im Gesicht. Den Vorteil, den wir Frauen haben, ist, dass wir schon immer einem hohen Druck ausgesetzt waren, was unser Äußeres betrifft (da wir ja jahrhundertlang „Heiratsmaterial“ waren), währenddessen Männer „nur“ dazu bestimmt waren, Frauen zu versorgen und zu behüten und sich um Dinge wie das Äußere, den Haushalt, die Kindererziehung keine Sorgen machen mussten. Plötzlich wollen Frauen nicht nur starke Partner und Ehemänner, sondern auch solche, die gut aussehen, im Haushalt mithelfen und zum Elternsprechtag der Kinder gehen. Das überfordert die Spezies, die mit Veränderungen leider nicht so flexibel umgehen kann wie von „frau“ erhofft. Währenddessen der Mann von heute sich jahrelang fragt, wie er in diese seltsame Lage gelangt ist und heimlich David Beckham verflucht, nicht, weil er nicht mehr Fußball spielt, sondern weil er abends den Müll rausträgt, schmiedet die Frau heimliche Pläne, transformiert innerlich zum unabhängigen und selbstbewussten Supergirl und verlässt ihn ohne Vorwarnung eines Morgens zwischen Müsli und Mittagessen. Er schaut wie ein Auto und hat keine Ahnung, was passiert ist.

Meine Mutter ist seit 55 Jahren mit demselben Mann verheiratet. Es gab gute, schlechte und mittelmäßige Zeiten und das Wort Harmonie möchte ich in Bezug auf ihre Beziehung nicht wirklich verwenden, denn es wäre einfach nur die Unwahrheit. Aber sie haben eine Art gefunden, miteinander zu koexistieren und immer öfters bekomme ich das Gefühl, dass sie ohne einander auch nicht könnten und sich eigentlich auf eine mir unverständliche Art verstehen. Vor kurzem sagte sie zu mir: „So viele Frauen lassen sich scheiden, weil etwas nicht passt. Meistens eine Kleinigkeit. Eine Ehe bedeutet auch Durchhalten.“ Klang für mich unromantisch, hart und nach keiner Option. Aber vielleicht hat sie nicht ganz unrecht. Partner mögen nicht perfekt sein, weil das, wie schon erwähnt, nicht in der Genetik des Menschen liegt. Vielleicht sollte man seinen Partner aber so annehmen, wie man sich selbst annimmt, mit all den Fehlern und Schwächen. Sind wir denn perfekt? Also ich sicher nicht und ich bin unsagbar dankbar, dass mein Ehemann mich trotzdem nicht verlässt, denn manchmal würde ich mich selbst gerne verlassen ;-).  

Der gutaussehende Typ auf Instagram wird uns nie wärmen, wenn wir frieren oder mit uns Schokoladentorte essen. Er würde uns vielleicht sogar ins Fitnesscenter schicken und die Nummer seines Schönheitschirurgen zustecken. Wahrscheinlich würden wir ihm aber auch nie begegnen, weil wir ihn auf der Straße nicht erkennen würden. Denn ohne Filter und App-Bearbeitung sieht er vielleicht einfach nur wie jener Fremde aus, der einmal neben uns im Café saß und den wir wortlos zurückgelassen haben.

 

 

© 2013-2014 Cornelia Pichler

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