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Der Schock über Tante Lisas Tod ist groß. Niemand aus der Familie hatte von ihrer Krankheit gewusst. Alle sind untröstlich, aber niemand kann zum Begräbnis nach Griechenland reisen. Nur Jo fühlt sich emotional verpflichtet, ihrer geliebten Patentante die letzte Ehre zu erweisen. Sie beschließt, sich in den Süden aufzumachen und nimmt die Erinnerungen und Andenken ihrer Familie mit.

 

»Ich habe hier ein kleines Kästchen.«

Es war wunderschön, aus altem Holz und bunt verziert. Ich hatte es noch nie gesehen, obwohl es schon sehr alt zu sein schien und vielleicht schon lange im Besitz meiner Mutter war. Offensichtlich hatten auch Mütter ihre Ge- heimnisse.

»Bitte nimm es mit und lege es ihr ins Grab. Damit möchte ich mich gerne von ihr verabschieden.«

Sie öffnete es langsam und ich erkannte einige Dinge darin. Samen oder so etwas Ähnliches, ein Stein und ein Foto, ziemlich alt und vergilbt.

»Das sind Sonnenblumenkerne. Deine Tante liebte Sonnenblumen über alles, sie hat als Kind jedes Feld geplündert und unser Haus damit geschmückt.«

Die Erinnerung an ihre Kindheit ließ meine Mutter gleich Jahre jünger erscheinen, sie strahlte und ich erkannte, wie viel Feuer noch in ihren rehbraunen Augen loderte.

»Den Stein hat sie einmal auf dem Feld hinter ihrem Elternhaus gefunden. Sie war der Meinung, dass er perfekt sei, sowohl was die Form als auch was die Farbe betraf. Sie nannte ihn den Heimatstein und als sie wegzog, drückte sie ihn mir in die Hand mit der Bitte, ich möge ihn aufbewahren. Ich fragte sie, warum sie ihn nicht mitnähme, als Erinnerung an die Heimat, doch sie lächelte nur und meinte, man dürfe ihn nicht versetzen. Er müsse in der Heimat bleiben, denn so wisse sie, dass sie immer zurückkommen könne. Nun wird sie nie mehr zurückkommen und der Stein sollte bei ihr sein.«

Ich war gerührt ob der Erinnerungsmomente, die ich mit ihr teilen durfte, Dinge, die ich das erste Mal hörte und die mich sehr berührten.

»Schließlich das letzte Foto, das von uns geschossen wurde, bevor sie ging und mich zurückließ. Ich war traurig und unsagbar wütend, denn ich wollte nicht alleingelassen werden. Schau mich an, wie unnahbar ich aussehe, dabei war ich nur verletzt. Sie hingegen lächelt, zwar etwas unsicher, aber dennoch bestimmt. Ich vergebe ihr, dass sie gegangen ist, und ich vergebe mir, dass ich es ihr übel genommen habe.«

Beide Frauen sahen jung aus, obwohl die Aufnahme unscharf war, aber ich blickte nicht in die vertrauten Züge, die ich kannte. Ich hatte keine Ahnung, was die beiden Frauen in diesem Moment gefühlt hatten oder wie ihre Beziehung zueinander gewesen war. Im Grunde waren sie mir auf diesem Bild völlig fremd. Mir wurde klar, dass man, auch wenn man glaubt, einen Menschen zu kennen, in Wirklichkeit nur das kennt, was dieser Mensch einem zeigen möchte.

Meine Mutter schloss die Schatulle wieder und überreichte sie mir. Ich nickte und versprach ihr, das Geschenk zu übergeben. An Tante Lisa. An die Erde, die sie bald umschließen würde. Meine Mutter schien zufrieden und erleichtert. Alles hat seinen Sinn, alles geht seinen Weg.

© 2013-2014 Cornelia Pichler

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