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Am Hauptplatz des kleinen griechischen Dorfes findet ein Fest statt, das das Highlight im dörflichen Leben darstellt: Jeder nimmt daran teil und der ganze Ort feiert bis in die frühen Morgenstunden. Gemeinsam mit Marco ist auch Jo bei der Veranstaltung. Er legt seinen Arm um ihre Schulter und schildert detailgenau die Geschehnisse seines Tages. Aber nur kurze Zeit später will Marco plötzlich die Veranstaltung verlassen.

 

»Hi, da bist du ja. Ich möchte mich verabschieden, irgendwie reicht es für heute«, lässt Marco mich wissen.

»Du gehst also?«

»Ja, ich gehe. Ich melde mich morgen im Laufe des Tages, könnte später werden.« Er sieht mich lange an und das mir inzwischen vertraute Lächeln erscheint auf seinem Gesicht. Ich bekomme eine innige Umarmung, dann dreht er sich um und marschiert in Richtung Tribüne. Er steuert auf die langbeinige Griechin mit den Mandelaugen zu, die anscheinend schon ungeduldig auf ihn wartet. Nein! Das kann nicht wahr sein: Elena! Geschockt beobachte ich die Frau, die erwartungsvoll am Geländer lehnt und ihre üppigen Lippen mit roter Farbe nachzieht. Sie sieht zwar hübsch, aber auch ein wenig billig aus – ich frage mich, ob dieses Urteil objektiv einzustufen ist, oder ob pure Eifersucht mich zynisch und bösartig werden lässt. Während ich also ewig und ausschweifend mit Ellie über meine Gefühle für diesen Mann geredet habe, ist er losgezogen und hat sich ein Alternativprogramm gesucht. Aber das will und kann ich in diesem Moment nicht akzeptieren.

»Marco!«, rufe ich ihm schnell hinterher und er bleibt stehen. Die Griechin funkelt mich aggressiv an. Er dreht sich um, kommt noch einmal in meine Richtung und blickt mich direkt an. Seine blauen Augen glänzen im grellen Licht der Partyglühlampen und ich erkenne, dass der Alkohol ihm zugesetzt hat. Ich nehme all meinen Mut zusammen und sage: »Wenn du heute nicht alleine sein möchtest, könnte ich dich begleiten.«

Sein Blick wandert wieder in Richtung Boden, er atmet einige Male und steckt dann seine Hände in die Hosentaschen. Ich halte die Luft an und mein Herz scheint zu zerspringen. Schließlich hebt er den Blick und sieht mich an, seine Augen verschmelzen mit den meinen und ich fühle wieder dieses Kribbeln, das überfallsmäßig meinen ganzen Körper einnimmt.

»Mit so einem Angebot hätte ich nie gerechnet – vor allem nicht aus deinem Mund.«

»Man lernt nie aus«, flüstere ich und senke nun auch meinen Blick. Mein Mund fühlt sich taub an und ich bekomme nur schwer Luft. Mein Herz schlägt bis zum Hals und ich flehe Gott an, mich nicht umkippen zu lassen. Jede Sekunde, die verstreicht, erscheint mir wie eine kleine Ewigkeit.

Marco bewegt sich langsam auf mich zu und legt seinen Arm um meine Taille. Ich drohe zu ersticken, schließe meine Augen und warte auf das Unausweichliche. Er würde mich nun küssen und alle würden es sehen. Ich zittere, und dennoch fühle ich wie kleine Schweißtropfen meinen Rücken entlangfließen, anscheinend kann mein Körper sich nicht entscheiden, was er fühlen soll. Genau die gleiche Diskrepanz erfahren mein Kopf und mein Herz: Soll ich schreien vor Glück oder aus Furcht die Flucht ergreifen? Ich nehme nur noch Marcos Duft wahr und seine Körperwärme lässt alle meine Nerven verrückt spielen. Mein Körper ist sich bereits einer Wahrheit bewusst, die mein Geist noch nicht fassen kann. Gerade als ich dabei bin, meinen rechten Arm um seinen Hals zu legen, flüstert er mir ins Ohr: »Echt nett von dir, aber ich muss leider ablehnen.«

Ganz leicht und unsagbar zärtlich, drückt er seine Lippen auf den Haaransatz oberhalb meiner Stirn und verabschiedet sich: »Wir sehen uns dann morgen.«

Mir ist, als hätte er mir mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Ich taumle einen Meter zurück und stehe im Schutz des alten Baumes, der den Hauptplatz beschattet. Noch immer wage ich es nicht zu atmen, eine ungewöhnliche Kälte erfasst meinen Körper und ich spüre, wie eine Träne über meine Wange läuft. Das kann doch gar nicht wahr sein, was ist hier gerade passiert?

© 2013-2014 Cornelia Pichler

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