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Andere Länder, andere Sitten. Dass man fern von der Heimat mitunter in überraschende Situationen geraten kann, ist Jo durchaus klar. Aber welchen skurrilen Szenen sie in der Toilette einer griechischen Surfstation beiwohnen muss, ist kaum zu glauben.

 

 

»Oh, nein!«, schießt es mir durch den Kopf. »Nicht jetzt, nicht hier, bitte nicht.«

Mir wird sofort bewusst, dass es sich hier nicht um eine »Man-küsst-sich-nur-mal-schnell-Situation« handelt, sondern dass dies der Beginn eines erotischen Zweikampfes ist. Sobald ich diesen Gedanken in meinem Gehirn ausformuliert habe, kommt das Pärchen in die Gänge. Wie versteinert stehe ich hinter meiner Tür und hasse meine Blase dafür, dass sie mich in diese Lage gebracht hat. Ich schließe die Augen. Ich kann nichts anderes tun, als hier zu warten und schweigend Zeugin dieses Brachialaktes zu werden. Als sich die wackelige Tür des Toilettenverschlags mit einem lauten Ächzen in meine Richtung bewegt, weiß ich, dass die zwei im Vorraum ihre Position verändert haben. Ich schrecke zurück und versuche, nicht mehr zu atmen, da ich befürchte, dass das kleinste Geräusch meine Anwesenheit verraten könnte. Mir wird bewusst, dass den beiden völlig egal ist, ob sich jemand auf der Toilette befindet. Obwohl Licht durch den Spalt scheint, hatten sie nicht mal versucht, die Tür zu öffnen, um zu überprüfen, ob jemand da ist. Es scheint sie nicht zu stören, ob sie belauscht oder gesehen werden. Trotzdem fühle ich mich bei dem Gedanken, ein heimlicher Zuseher beziehungsweise Zuhörer zu sein, unsagbar unwohl.

Ich schließe so leise wie möglich den Deckel der Toilette und setze mich darauf. Während ich den Kopf zwischen meine Hände lege und versuche, gegen den Brechreiz anzukämpfen, der bedingt durch den strengen Geruch der Örtlichkeit überhandnimmt, wird es vor der Tür richtig laut. Die Frau beginnt in gebrochenem Englisch Dinge zu stammeln, die ich nicht wirklich hören möchte. Der Mann verhält sich eher ruhig und scheint sich mehr auf seine Aktivität, die noch immer in regelmäßigen Abständen die Tür erzittern lässt, zu konzentrieren, als dies auch noch in Worte zu fassen. Sein weiblicher Gegenpart versichert ihm ständig, dass er sie in den Wahnsinn treibe. Ich muss ihr zustimmen: Mich treibt er auch in den Wahnsinn! Ich bin in der Hölle. In der Toilettenhölle eines Surfspots in Griechenland. Danke, Tante Lisa, du amüsierst dich sicher köstlich da oben!

Plötzlich macht die klapprige Tür einen Schwung nach hinten und ich bekomme mit, dass das Paar wieder seinen Standort geändert hat. Anscheinend sind sie zur ihrer Anfangsposition im hinteren Teil des Vorraums zurückgekehrt. Ein Hoffnungsschimmer keimt auf, dann wird mir aber bewusst, dass mir dieser Umstand nicht unbedingt hilft, da der Vorraum so klein ist, dass ich mich nie unbemerkt hinausschleichen könnte. Jetzt wäre es sowieso noch viel peinlicher, da ich ja mitten in den Geschlechtsakt hineinplatzen würde. Das Dilemma scheint nicht zu enden und langsam beginnt mein rechtes Bein einzuschlafen, da ich mich, um möglichst wenig Berührungsfläche mit der Toilettenschüssel zu haben, in einer unsagbar unbequemen Stellung befinde. Ich muss aufstehen, ansonsten können die Leute mich später mit einer Bahre hinaustragen.

Im Vorraum höre ich eindeutige Geräusche und ich stelle mir vor, wie diese zwei Menschen wohl aussehen. Sie ein billiges Flittchen und er ein einfältiger schwitzender Südländer, der Frau und Kind zu Hause hat und ab und zu mal eine Urlauberin in der Bar aufgabelt, die unbedingt die Vorzüge des Latin Lovers auskosten möchte. Ich frage mich nun, wie lange das wohl noch dauern würde und blinzle vorsichtig durch den schmalen Spalt, um zu erforschen, ob es schon ein Anzeichen von Endspurt gäbe. Mein Blickfeld ist begrenzt, und doch kann ich die zwei schwitzenden, halbnackten Körper am Ende der gegenüberliegenden Wand ausmachen. Ich sehe einen braun gebrannten, muskulösen Oberkörper, der zur Hälfte von einem ebenso braun gebrannten Frauenkörper verdeckt wird. Dieser bewegt sich nun nach unten und nimmt eine eindeutige Haltung ein. Das will ich definitiv nicht sehen! Ich kann mir nicht einmal Pornofilme ansehen, warum also sollte ich mir diese Szene nun live zu Gemüte führen? Ehe ich mich wieder in meine unbequeme Sitzposition begebe, streift mein Blick das männliche Gesicht und ich stelle erstaunt fest, dass es so gar nichts von dem ausgemalten südländischen Flair hat, sondern eher nord - oder mitteleuropäisch wirkt. Genau in diesem Moment öffnet der Mann seine stahlblauen Augen, die unter den dunkelblonden schweißnassen Locken hervorstechen, und sieht mich an.

© 2013-2014 Cornelia Pichler

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