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Man mag es nicht glauben, aber ich lebe noch. Mein turbulenter Sommer ging mit Pauken und Granaten über die Bühne, ich verfrachtete einen gesamten Haushalt inklusive Kinder, Ehemann und ungefähr fünfzig Schuhschachteln an einen neuen Ort und schaffte mir einen weiteren Mittelpunkt in meinem Leben. Der Umzug vom idyllischen, ruhigen und zeitweise lähmenden Landleben in die quirlige Stadt fühlte sich trotz all des Wahnsinns (kann man tatsächlich sein Leben und alle Bücher, die man je gelesen hat, in Schachteln verpacken?) gut an. Ich atme plötzlich wieder freier und das obwohl man meiner neuen Heimatstadt die ziemlich schlechteste Luftqualität zuschreibt, die in diesem Land je gemessen wurde. Ich sehe diese Stadt „en rose“ und ich verliebe mich jeden Tag in neue Dinge und Plätze. Der Ort meiner Wahl breitet seinen mediterranen Charme und seine vielseitigen Möglichkeiten vor mir aus und ich muss nichts anderes tun, als diese Chancen in Taten umwandeln.

Aber das mit den Chancen ist auch so eine Sache. Chancen sind wunderbare Türen, die einem den Zugang in andere Welten eröffnen. Dennoch können sie dich auch gewaltig unter Druck setzen. Was passiert, wenn du die Chance nicht zum richtigen Zeitpunkt ergreifst? Bist du verloren, wenn du die falsche Entscheidung triffst? Wirst du automatisch zum Loser, wenn du die Chance vertust? Kannst du mit den Konsequenzen, die eine großartige Chance mit sich bringt, auch wirklich umgehen? Als Widder mit Aszendent Skorpion kenne ich diese Fragen, ich könnte sie sogar erfunden haben. Ich bin jemand, der es sehr lange vorgezogen hat mich kämpfend durchs Leben zu bewegen frei nach dem Motto: „Nur wer um Dinge kämpft, der hat Erfolg“. Glaubt mir, diese Regel ist nicht allgemeingültig und es ist auch nicht erstrebenswert sie zu leben. Ich habe zu viele Kämpfe bis aufs Blut ausgefochten und trotzdem verloren. Dabei ist mir eines bewusst geworden: unser Leben unterscheidet sich doch wesentlich von dem, das uns in Hollywood-Blockbustern vermittelt wird: derjenige, der als letztes das Schwert in der Hand hält, geht als glorreicher Sieger hervor. Nur in Glücksfällen geht das Rezept auf und meistens ist man dann so erschöpft, dass man den Sieg gar nicht genießen kann.

Chancen sind keine Arenen, die man nur bis an die Zähne bewaffnet betreten kann. Sie zeigen Möglichkeiten auf, die man ergreifen kann oder auch nicht. Manche werden aufgehen, andere nicht. Ich siege und verliere – aber ich vermeide es Dinge zu bereuen. Denn am Ende bereuen wir nur die Chancen, die wir nicht wahrgenommen haben. Wir werden nie herausfinden, wie es gewesen wäre, wenn wir couragierter oder unvernünftiger gehandelt hätten. Deshalb plädiere ich persönlich für den Mut, auch einmal Risiken auf sich zu nehmen. Was soll schon passieren? Wir können hinfallen und uns das Knie aufschlagen. Dafür wurden Taschentücher und Pflaster erfunden. Wir könnten aber auch auf etwas Atemberaubendes stoßen. Dieses Abenteuer möchte ich eingehen – jeden Tag und allerorts. Dann hat sich das Leben ausgezahlt.

Blog WebsiteEs ist soweit: meine Website ist soeben online gegangen! Ich bin aufgeregt, denn es ist das erste Mal, dass ich mich als Autorin präsentiere. Das stimmt nicht ganz, denn vor einigen Monaten wurde ein Buch mit dem bezeichneten Namen „Das Böse Frauen Buch“  in Wien vorgestellt und ich hatte nicht nur die Ehre, darin eine Kurzgeschichte veröffentlichen zu können, sondern diese auch bei der Buchpräsentation vorlesen zu dürfen. Das war spannend – zuerst – eher beängstigend – etwas später – und schließlich Herzklopfen verursachend – am Ende.

Man muss wissen, dass die wenigsten Schriftsteller gerne vorlesen, im Gegenteil die meisten scheuen diese Tätigkeit wie der Teufel das Weihwasser. Als ich schließlich vor den Zuhörern saß – es waren gar nicht so wenige, aber natürlich nicht so viele, als wenn die Rowling vorgelesen hätte – schluckte ich tapfer und stand vor einer neuen Herausforderung. Ich fragte mich, ob ich eigentlich dafür geeignet war, sollten nicht Schauspieler, Radiosprecher oder andere Stimmakkrobaten solche Jobs übernehmen? Ist es nicht so, dass man eine Geschichte durch falsches Lesen völlig verhauen kann? Ich wurde immer unsicherer und diverse Ausreden (Kreislaufkollaps? Notfall in der Familie? Schuhausverkauf bei Prada?) schwirrten durch meinen Kopf. Dann schloss ich die Augen und ermahnte mich selbst: hör auf damit! Es geht nicht darum, dass du einem Todgeweihten einen Bypass einsetzen oder vor einem Millionenpublikum einen Streisand Song darbieten sollst. Nein, darum geht es jetzt nicht. Das könntest du definitiv nicht und würdest ein lebenslanges Trauma davontragen, was eine Lappalie im Vergleich zum Tod des Bypass Patienten wäre. Nun geht es lediglich darum, eine Geschichte vorlesen, auch noch dazu eine Selbstgeschriebene. What’s the big deal?

Ich öffnete meine Augen erneut und positionierte das Mikrofon vor mein Gesicht. Als ich zu lesen begann, schienen die Worte ganz natürlich aus meinem Mund zu fließen. Ich kümmerte mich nicht darum, dass ich vergessen hatte, den Titel zu nennen, meine Stimmlage etwa zu hoch war und ich eine Spur zu schnell las. Ich machte den Job und ich machte ihn gut. Nicht weil ich eine ausgebildete Stimme habe oder ein schauspielerisches Talent an den Tag legte, sondern weil ich über meine Schatten gesprungen war und es dann doch Spaß machte. Vor allem, weil eine Dame in der Mitte des Publikum genau an den richtigen Stellen lachte und mir damit die Zuversicht gab, es richtig zu machen. Falls sie das liest, hoffe ich, dass sie sich wiedererkennt. Sie trugen einen beigen Schal und einen roten Pullover. Danke, dass Sie da waren.

Blog BootDer Winter lähmt mich und während ich hier im Süden Österreichs im Schnee ersticke, wünsche ich mich genau dorthin, wo mein erster Roman angesetzt ist, nämlich nach Griechenland. Mir ist klar, dass auch dort diese Jahreszeit nicht dem entspricht, was ich mental letzten Sommer mitgenommen habe, aber dennoch hilft mir die Vorstellung, noch einmal am Strand zu sitzen und die milde Abendsonne zu genießen.

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Blog Sonnenblumen

Langsam aber doch nähert sich der Sommer. Ich merke es ganz deutlich und habe diverse Beweise dafür: nicht das Datum, nicht die Ameisenstraße, die meinen Flur bevölkert  und nicht die wachsende Anzahl der Gastgärten in der Stadt. Es handelt sich um ein leichtes Kribbeln in der Magengegend, ein Blubbern, das sich langsam von ganz unten nach oben bewegt, bis es schließlich in meinem Kopf angelangt, wo es in kleinen Dosen Freudenwellen auslöst, welche mich innerlich juchzen lassen. Wann das genau geschieht, kann ich nicht sagen, manchmal genau dann, wenn ich in einem kleinen Café sitze und mich am perfekten Cappuccino vor mir freue, immer öfters wenn ich zu meiner Italienischstunde fahre und es nicht erwarten kann, etwas Neues zu lernen und meistens wenn ich die Augen schließe und mir vorstelle, dass ich bald wieder im Bikini am Strand entlang wandern und Menschen begegnen werden, die ich nicht kenne, die sich vielleicht aber in meinem nächsten Buch wiederfinden werden. Das sind Momente, die kein anderer verstehen muss oder nachvollziehen kann. Sie gehören nur mir und sie wärmen mich auf eine Art, die nur wenige kennen. Wir hetzten Zeit unseres Lebens in einem vorgegebenen Tempo durch eine Realität voller Pflichten und Begehrlichkeiten , wir laufen oder rennen, sind auf der Suche nach Dingen, für die wir – sobald wir sie haben – keine Zeit oder Lust mehr haben. Doch irgendwann – vielleicht nicht jeder – müssen wir die Geschwindigkeit raus nehmen, wir müssen eine Pause machen und uns selbst betrachten. An diesem Punkt müssen sehr viele von uns erkennen, dass wir uns in die falsche Richtung bewegt, dass wir uns zu viel vorgenommen oder dass wir unser wahres Potential nicht ausgenutzt haben. Das tut weh, es deprimiert und man hat das Gefühl, dass irgendwer den Stecker gezogen hat. Wir liegen wie leere Handys, deren Ladekabeln wir verlegt haben, herum und fühlen uns orientierungslos. Aber es ist nicht vorbei und es war auch nichts umsonst. Es könnte sein, dass es uns die Augen für etwas geöffnet hat, was wir ansonsten nie erreicht hätten: die Chance wieder aufzustehen, umzudrehen, neu anzufangen und neu wahrzunehmen.

Ich kann heute ein Sandkorn mehr schätzen als vor Jahren, ich bedanke mich für ein gutes Gespräch und ein sehe es als nicht selbstverständlich an, Freunde zu haben. Ich gebe, bevor ich nehme und ich lächle, wenn es besonders weh tut. Denn der Schmerz zeigt mir, dass ich lebe, dass ich fühle und dass mir nichts egal ist. Das sehe ich als meinen persönlichen Triumph an: das Vermögen und die Kraft mich gegen die Apathie des Lebens zu wehren. Ich kämpfe gegen Abgestumpftheit, Gefühlslosigkeit, Geistesabwesenheit, Desinteresse, Gleichgültigkeit und Lethargie – jeden Tag ein bisschen mehr.

In diesem Sinn genieße ich die ersten Sommeranzeichen und mein neues Wesen, das mich nie enttäuscht und das mir die Kraft gibt, nach vorne zu gehen, egal welche Hürden sich aufbauen. Ich schaffe sehr viel- bei Gott nicht alles – aber das ist völlig in Ordnung.

 

 

 

© 2013-2014 Cornelia Pichler

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